Episode Transcript
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(00:02):
-Hallo! Vorweihnachtszeitist Aktionszeit.
Kennst du das auch,dass dein Postkasten selten
so voller Werbezettel,Aktionsangeboten und Flyern
ist wie vor Weihnachten?
Dazwischen finden sich aberauch jetzt gerade immer
wieder Briefe vongemeinnützigen Organisationen,
die um einekleine Spende bitten.
(00:24):
Und sie können sie gut brauchen.
Denn Weihnachtenist auch die Zeit,
in der viele vergessen werden.
Menschen, die keinDach über dem Kopf haben,
die mit schwerenKrankheiten zu kämpfen haben,
die ausgegrenzt werden.
Wer kümmert sich um sie?
Und wohin könnensie gehen, wenn sie am 24.
(00:45):
Dezember gerneGesellschaft hätten?
Ich bin Barbara Kaufmannund das ist Gemeinsam ist
man weniger allein,der Podcast der Stadt Wien.
In fünf Folgen schauen wiruns an, was man
in Wien im Advent undzu Weihnachten gegen
Einsamkeit tun kann.
(01:06):
Das ist Folge 2.
Niemand wird vergessen.
Weihnachten im Hilfswerk.
-Jetzt, wo in einervorweihnachtlichen Stimmung
eine Atmosphäre geschaffen wird,die so voller Erwartungen
an die Gesellschaft,Gemeinschaft und
an das Individuum ist,wie nie sonst im ganzen Jahr,
(01:27):
da wird natürlich besonderssichtbar, dass diese
Erwartungen niemalserfüllt werden.
-Das ist Tom Waibel.
Ihr kennt ihn schon aus Folge 1.
Er ist Philosoph undwirft mit uns in jeder Folge
einen anderen Blick auf diestille Jahreszeit
und das Thema Einsamkeit.
(01:49):
-Zum Beispiel der englischeRomantiker Lord Byron hält
am Anfang des 19.
Jahrhunderts lyrisch fest undbesteht darauf, dass die
Einsamkeit jener Ort sei,an dem wir
am wenigsten allein sind.
-Viele Menschensind gern allein. Genießen es,
in Ruhe ein Buchlesen zu können, nachzudenken,
(02:09):
spazieren zu gehen.
Einsamkeit ist aberetwas ganz anderes.
So wie der Dichter Byron sagt,wer einsam ist,
ist nicht auf angenehme Artund Weise allein.
Wer einsam ist,spürt ein Loch, einen Mangel,
etwas, das fehlt.
-Wenn wir uns immer wiedereines vor Augen halten,
(02:30):
nämlich, dass wirohne Sehnsucht,
nach den anderen,zwar allein sein können,
aber niemals einsam.
-Es fehlt der andere,die Gemeinschaft.
Und dieses Fehlen wird beieinsamen Menschen als
Schmerz empfunden.
Gerade in der Vorweihnachtszeit,wo überall das gemeinsame
Feiern und die gemeinsameFreude betont werden.
(02:55):
-Also da sehen wirda schon auch einen starken
Konnex dazu, durch diesestarke Kommerzialisierung.
Auf der anderen Seite istes natürlich ein Fest, wo
die Familie sehrhoch gehalten wird und die
Gemeinschaft, was natürlichauch einen sehr
hohen Erwartungsdruck aufdie Menschen macht,
weil die Realität oft nichtso ausschaut wie die
(03:16):
Erwartungen oder die Bilder,die wir vielleicht
zu Weihnachtenvon Gemeinschaft haben,
weil Menschen vielleichteinsam sind oder
weil die Familiensituationdann doch nicht so ideal ist.
-Verena Mayrhofer-Ilicarbeitet beim Wiener Hilfswerk
im Nachbarschaftszentrumin Ottakring am Stöberplatz.
Es ist eine Wohnungim Erdgeschoß mit Rezeption,
(03:37):
kleiner Küche undmehreren Räumen,
in denen es Treffen gibt,Kurse, Flohmärkte,
was eben so ansteht.
Das Hilfswerk gibt es schonfast 70 Jahre. Es ist eine
wohltätige Organisation,die sich um Menschen
in Not kümmert.
-Die meisten Angebotesind auch kostenlos für die
Menschen und bei vielenhaben wir eine ganz offene
(04:01):
Komm-und-Geh-Kultur,wie bei den Sprachcafés,
wo man einfach kommen kannohne Anmeldung.
Und das ist fürviele Menschen halt wichtig,
dass sie einfacheinen Ort haben, wo sie einfach
einmal hinkommen können.
Auch mit ihren Fragen.
Weil das ist natürlich auchgerade für Menschen,
die neu in Wien sind,oft schon ein Ämterdschungel
oder das Gesundheitssystemist nicht klar, das Schulsystem.
(04:27):
Also da gibt es viele Dinge,die einfach ganz neu sind,
wo man Ansprechpersonenbraucht, um sich
zurechtzufinden.
-Verena betreut Menschen.
Die zur Weihnachtszeitgrößere Sorgen haben,
als das beste Geschenk fürihre Verwandten zu finden.
-Es ist die Zeit,wo jetzt auch die
Stromabrechnungen kommen,wo die Menschen zum Jahresende
(04:49):
hin, wo es um Ausgabenauch für Geschenke geht,
wo auch dieser finanzielleDruck für viele Menschen
schon stärker wird.
Das nehmen wir schon sehrstark auch wahr
in der Arbeit und auch dasführt natürlich
zu Druck und Spannungen,zu Isolationen,
wenn ich mir etwas nichtleisten kann und
nicht teilhaben kann an Dingen.
(05:11):
-Finanzielle Unsicherheit undsoziale Isolation,
das geht oft Hand in Hand.
Armutsbetroffene erlebenScham und ziehen sich zurück,
weil sie sich Treffenin Lokalen nicht
leisten können oderauch gerade in der
Vorweihnachtszeit das Gefühlhaben, ausgeschlossen zu sein.
Weil sich die eigeneMiete kaum ausgeht,
(05:33):
Geschenke erst recht nicht.
-Mir fällt auf,weil gleich bei mir ums Eck
ist auch so ein Sozialmarkt,dass die Schlangen da immer
länger werden unddass diese Zeit ist,
glaube ich, fürganz viele Menschen
in Wahrheit schwierig.
Ich weiß nicht, mir fällt auf,wir freuen uns immer alle
so auf Weihnachten und ichhabe das Gefühl,
dass aber dann schon auchviele Belastungen
da einfach rauskommen,wenn man sich mit
vielen auch konfrontiert.
(05:53):
Dieser Druck, ich glaube,den spüren schon viele,
aber ich glaube, dass Menschen,die von Armut betroffen
sind oder die gerade durchpsychische Krisen gehen
oder trauern, was auch immer,oder alleinerziehende Mütter,
sich da ganz besonders schützen.
-Viele Gruppen bleiben auchin der Vorweihnachtszeit
einfach unsichtbar.
Sie haben im Trubelkeinen Platz, kommen
(06:13):
nicht in den Werbebildernvor, sind nicht auf Instagram.
-Unsichtbar in dieser Zeitsind zum Beispiel Frauen,
die in Gewaltbeziehungenleben, die sich die ganze
Zeit um Kinder kümmern müssen,die vielleicht auch
alleinerziehende Mütter sind,ältere Menschen
mit Minipensionen,die kein Geld haben,
um rauszugehen,die sich auch noch mehr
vielleicht in ihrer Wohnungbefinden, die verwitwet sind,
Menschen, die psychischbelastet sind oder
(06:35):
psychische Krankheiten haben,die es gar nicht
aushalten unter Menschen,denen dieser Druck
zu viel ist, Menschen,die gerade massiv
trauern vielleicht,also all die Menschen,
die in irgendeiner Formvielleicht auch ein bisschen
am Rand gedrängt sind von derGesellschaft und die vor
allem eben viel Zeit zu Hausesind, die dann gar nicht
so viel das Haus verlassen ausden unterschiedlichsten
(06:55):
Gründen. -Yvonne hat fürihre Sozialreportagen viele
renommierte Preise gewonnen.
Sie hat dafür oft Monate,wenn nicht Jahre
recherchiert und mitBetroffenen viel Zeit verbracht.
(07:16):
-Ich weiß aus meinenReportagen mit obdachlosen
Menschen, denengeht's um was ganz anderes.
Also wenn ich jetzt einBild vor mir herzaubere,
gerade die MariahilferStraße, wo in der
Vorweihnachtszeit alle mitden Einkaufssackerln wie
ferngesteuert vomKonsumverhalten herumlaufen
und nur am Telefon hängen unddazwischen sieht man die
obdachlosen Menschen,die eigentlich Ruhe wollen.
Es ist ja ihr Lebensraum.
Und für die verändert sichder öffentliche Raum
auch extrem in dieser Zeit.
Und alle Sachen,wo sie nicht teilhaben können,
(07:37):
kriegen Sie nocheinmal vorgesetzt.
-Es gibt Menschen,die man vor lauter Glitzer und
Weihnachtsbeleuchtungvergisst, sagt Verena
Mayrhofer-Ilic vom Hilfswerk.
Und auch wenn wiran Einsamkeit denken,
haben wir oft dieselbenBilder im Kopf.
-Klassisch denken wirimmer an ältere Personen,
die jetzt vielleichtkeine Familie mehr haben.
(07:58):
Die gibt es natürlich auch.
Und man kann ja nicht sagen,es gibt ein Leid, dass man
gegen das andere abwiegt.
Aber ich glaube,oft werden vergessen Menschen,
die zugezogen sind,die sich neu in Wien aufhalten
und für die zu Weihnachtennatürlich auch viele
Einrichtungen und vieleSachen geschlossen sind,
die vielleicht jetzt nichtzu Weihnachtsfeiern
eingeladen werden.
Also ich kann mich an eineAussage einer jungen
(08:19):
Frau erinnern,die immer gesagt hat,
ich habe die ersten siebenJahre in Wien nur geweint.
Also da ist schon eine großeEinsamkeit, weil viele ihre
Familien in den Heimatländernzurückgelassen haben.
Hier noch nicht wirklichAnschluss gefunden haben und
einfach unter einerstarken Isolierung leiden
und dem Gefühl,nicht dazu zu gehören.
(08:42):
Ich denke, das ist immer,wenn wir über Einsamkeit
reden, ein wichtiger Aspekt,wer ist drinnen,
wer ist draußen.
-Die Familie wird geradeim Advent immer noch zu einem
Ideal verklärt,das sie nie war und auch gar
nicht sein kann.
Denn auch in einer Familiekann man sehr einsam sein,
wenn man nicht so akzeptiertwird, wie man ist.
(09:05):
-Ja, die Familiensituation,wie gesagt, wir gehen eben
von diesem hohenIdealisierungsgrad,
den Familie in unseren Köpfendarstellt, das sehen
wir auch in der Werbung,dass das immer sehr stark
instrumentalisiert wird.
In Wirklichkeit sindFamilien auch oft Orte,
wo es eben auchDissonanzen gibt,
wo Menschen ebensich nicht verstehen.
(09:29):
Ja, Menschen oft nichtso sein dürfen, wie sie sind.
Und ja, auch bei queerenMenschen geht das in die
Familien hinein, wenn in derFamilie diese Situation,
also wenn das nichtakzeptiert wird,
wie ein Mensch ist,als welche Person der
Mensch gesehen werden will,dann führt das natürlich
(09:51):
zu ganz enormen Spannungenund ja, auch zu Ausgrenzungen.
-Genau hier, beider Ausgrenzung,
da setzt das Hilfswerk an.
Am Nachmittag des 24.
Dezember gibt es jedes Jahrein kleines Weihnachtsfest für
alle, die nichtallein sein wollen.
(10:11):
-Ja, der 24. im Hilfswerk,das ist jetzt schon eine sehr
lange Tradition. Ich glaube,das gibt es jetzt auch
schon seit über 30 Jahren.
Und das ist einfachdie Idee dahinter,
dass gerade am 24.
viele Menschen dieseIsoliertheit, ganz
besonders ganz spüren,weil da ja die Menschen
entweder mit der Vorbereitungfür das Weihnachtsfest
(10:33):
beschäftigt sind oder ja,auf jeden Fall keine
Zeit haben, frei haben,die viele Einrichtungen und
geschlossen sind. Ja, auchdie Geschäfte sind,
ich glaube, in Wien machenes dann schon um drei
oder sowas zu. Oder es istdann auf jeden Fall schon
sehr vieles an Rückzugzu spüren, wo die Menschen
(10:57):
sich nicht mehr die Familienoder in die Häuser
zurückzieht und es wenigAngebote mehr gibt.
Und da war die Idee einfach,dass man für die
Menschen was anbietet,wo die Menschen gerade am 24.
noch einmal hingehen können.
Ja, dass sie nocheinmal Gemeinschaft erleben,
gemeinsam an ein Weihnachtsfest,gemeinsam Lieder singen,
gemeinsam auch eine Mahlzeiteinnehmen und etwas mit nach
(11:20):
Hause nehmen können von derWeihnachtsstimmung,
an Gemeinschaftund Zugehörigkeit.
Ich denk das ist das Wichtigste.
Wir Menschen wollen zugehörigsein und das wollen wir am 24.
den Menschen nocheinmal mitgeben.
-Verena hat diesesWeihnachtsfest des Hilfswerks
schon sehr oft mitorganisiert.
(11:41):
Und trotzdem ist sieimmer wieder berührt davon,
wie Fremde miteinander feiernund sich verbunden fühlen.
-Es ist schön zu sehen,wie Menschen dann gemeinsam
was machen wieder,gemeinsam singen und Menschen,
die sich gar nichtgekannt haben vorher,
dann doch gemeinsam diesesFest sozusagen,
sozusagen auch mitgestalten,indem sie mitsingen und indem
sie vielleicht auch einGedicht vorlesen und diese
(12:04):
Stimmung hineinbringen,die sie dann hoffentlich
auch mit nach Hause nehmen.
-Studien zeigen,je länger Einsamkeit dauert,
umso schwerer ist es,sie zu durchbrechen.
-Man spricht jada so im Fachjargon von der
chronischen Einsamkeit,also wenn man sich schon sehr
lange Zeit nicht ausden eigenen vier Wänden
(12:28):
rausgetraut hat, das ist dannein schwieriger Schritt.
Und ich denke, das mussman den Leuten auch sagen,
das ist sehr mutig,wenn sie sich das trauen und
ihnen da auch ein bisschenvielleicht Kraft geben oder
sie ermutigen,es zu probieren und auch
nicht enttäuscht sein,wenn es vielleicht das
erste Mal nicht gelingt,aber immer wieder dranbleiben.
Und auch die Leute bestärken,dass es sich lohnt,
(12:49):
wieder einen Schritt vordie Tür zu setzen und mit
anderen in Kontakt zu treten.
-Das beste Mittelgegen Einsamkeit
ist Selbstwirksamkeit.
Das bedeutet, manglaubt daran, etwas bewirken
zu können, Probleme lösenzu können, etwas zu schaffen.
Verena erlebt tagtäglich imNachbarschaftszentrum des
(13:10):
Hilfswerks in Ottakring,wie Menschen aufblühen,
wenn sie etwas fürsich und andere tun können.
-Ein Faktor, dervielen Menschen abgeht,
ist, dass sie selberwirksam sein können,
dass sie selber was tun können.
Und das ist fürviele Menschen extrem wichtig.
Menschen wollen sich garnicht sehen unter dem Aspekt,
mir wird jetzt geholfen,sondern Menschen
(13:31):
möchten etwas tun.
Und deswegen ist unsereFrage oft gar nicht die,
des Helfen, sondern die,was können sie für uns tun.
Und so entstehen oft ganz neueAngebote im
Nachbarschaftszentrum,wie eben die Acryl-Malgruppe,
die eine Künstlerin aus derUkraine anbietet. Sie sagt,
das macht ja den Kopf frei,etwas zu tun für die anderen.
Oder es gibt auch eineBastelgruppe für Kinder
aus der Ukraine bei uns,die eben von einer
(13:56):
Freiwilligen angeleitet wird.
Die sagt, nein, ichmöchte einfach selber was tun.
-Die über 20Nachbarschaftszentren des
Wiener Hilfswerks findetihr unter www. hilfswerk.
at. Dort gibt es vielekostenlose Kurse, Treffen,
Aktivitäten, an denen jedeund jeder teilnehmen kann.
(14:18):
Die Weihnachtsfeier desHilfswerks findet
in diesem Jahr am 24.
Dezember zwischen 11 und13 Uhr statt, und zwar
im Skydome des Hilfswerksin der Schottenfeldgasse.
Man muss sich dafür anmelden,und zwar telefonisch unter
01 512 36 61 3003.
(14:41):
Das war Folge 2 von Gemeinsamist man weniger allein,
ein Podcast der Stadt Wien.
In der nächsten Folge sehenwir uns an, was passiert,
wenn zu Weihnachten Einsamkeitzur akuten psychischen Krise
wird und wer dannfür dich da ist.
Ich bin BarbaraKaufmann und freue mich,
wenn wir uns wiederhören.