Episode Transcript
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(00:02):
-Hallo. Hast du auchmanchmal das Gefühl,
dass es jetzt im Dezember garnicht mehr richtig
hell wird draußen?
Die Nächte sind länger,die Sonne kommt an manchen
Tagen gar nicht mehr raus.
Alle sind im Weihnachtsstress,aber dir fehlt die
Kraft für alles.
Gerade die stille Jahreszeitist für viele Menschen
(00:24):
besonders schwierig.
Dann nämlich, wenn sie ohnehinmit einer psychischen
Erkrankung zu kämpfen haben.
Wohin können sie sich wenden,wenn nichts mehr geht?
Und warum sind vor allemjunge Menschen oft sehr einsam
und wissen nicht, wohin?
Ich bin Barbara Kaufmann unddas ist Gemeinsam ist
(00:47):
man weniger allein,der Podcast der Stadt Wien.
In fünf Folgen schauen wiruns an, was man
in Wien im Advent undzu Weihnachten gegen
Einsamkeit tun kann.
Das ist Folge 3. WennEinsamkeit zur Krise wird.
Dersozialpsychiatrische Notdienst.
(01:11):
-Die einsamen Menschen sindirgendwie ungewöhnlich.
Und das hat damit zu tun,dass sie es sich
nicht gemütlich machenin ihrer Zeit. Dass sie sich
an den Ansichten ihrerZeit kein Vergnügen finden.
Dass sie in ihrerZeit gegen ihre Zeit sind.
Dass sie tatsächlichunzeitgemäß sind.
-Das ist Tom Waibel.
Er ist Philosoph und denktdarüber nach, wie Einsamkeit
(01:33):
auch entstehen kann,weil man anders ist.
Weil man nicht mitmachenwill oder kann.
Gerade in einer Zeit wie demAdvent und Weihnachten,
wo so viele Veranstaltungenstattfinden, bei denen man
teilnehmen sollte oder müsste.
Firmenweihnachtsfeiern,Familientreffen.
(01:55):
-Wenn ich nun in diesemGefüge von Anspruch und
Anteilnahme keinen Platzmehr finde oder keinen mehr
finden will, dann,wenn ich dann beginne ich
wahrhaftig aus meinerZeit zu fallen.
In meiner Zeit,in der ich aber dennoch lebe.
Ich falle herausso gründlich und unerbittlich,
(02:16):
dass ich tatsächlichsehr rasch emotional abgebaut,
sozial abgehängt undleibhaftig vergessen werde.
-Menschen,die ohnehin das ganze Jahr
über mit Depressionen oderÄngsten zu kämpfen haben,
kennen dieses Gefühl nur zu gut.
Nicht dazu zu gehören.
Nicht, weil manes sich ausgesucht hat, sondern
(02:37):
weil es einfach nicht geht.
-PsychischeErkrankungen machen eigentlich
immer einsam. Es ist auch einKernkriterium fast jeder
psychischen Erkrankung,dass die Fähigkeit
zur sozialen Interaktioneingeschränkt wird.
Die Fähigkeit zurTeilhabe am normalen Leben.
Insofern ist jede psychischeErkrankung ein Risikofaktor
zur Vereinsamung.
-Katrin Skala ist Kinder-und Jugendpsychiaterin und
(02:59):
die Leiterin derpsychosozialen Dienste in Wien.
Sie erklärt etwassehr Wichtiges,
dass psychische Erkrankungensehr oft einsam machen.
Weil die anderen einBild davon haben,
dass gar nichts stimmt.
-Je nachdem, um welcheErkrankung es sich handelt,
sind viele psychischeErkrankungen natürlich mit
(03:20):
massiven Stigmata versehen.
Andere sehr viel mehrmit Schamgefühlen, sodass
man sich selbst zurücknimmt.
Auch das Gefühl hat, wie zumBeispiel bei Depressionen,
man ist es gar nicht wert,mit anderen irgendwie zu tun
zu haben, weil man ist hässlich,dumm und was nicht alles.
Und das sind Gefühle,die eben durch die
Erkrankung entstehen oderverstärkt werden.
-Genau das passiert viel zu oft.
Man versteckt sich.
Weil man sich schämt.
(03:43):
Oder weil man merkt,dass die anderen dich nicht
verstehen können.
Beim SozialpsychiatrischenNotdienst erreicht man genau
in solchen Momenten jeden Tagrund um die Uhr Menschen,
die zuhören, weiterhelfenkönnen, einfach da sind.
Wie zum Beispiel Anna.
-Ich glaube, dasAllerwichtigste zu Beginn ist,
(04:04):
einfach einmal zuhören.
Also einfach einmal,um herauszufinden,
worum es geht, logischerweise.
Aber auch in weitererFolge ist, glaube ich,
das Zuhören und das Daseinund an Menschen einfach
sprechen lassen,schon einmal eine erste
große Hilfestellung.
Das stellt man sich immerso klein vor, aber das ist
in Wahrheit eigentlichetwas Riesiges.
Und auch einer derHauptgründe, warum sich
die Menschen an uns wenden,weil sie das Gefühl haben,
sie können jetzt so in einemUmfeld, in einem sozialen Feld,
(04:26):
haben sie halt niemanden,mit dem sie sich
über die Dinge, die siebelasten, unterhalten können.
-Anna ist auf die seelischenProbleme von Kindern und
Jugendlichen spezialisiert.
Sie können auch beimNotdienst anrufen und finden
dort Gesprächspartner*innen,die nur für sie da sind.
-Menschen sind, glaube ich,aus unterschiedlichsten
Gründen einfach einsam.
Ein weiterer Punkt,der ein bisschen rauskommt,
(04:46):
ist einfach durchdie Kommunikationswege,
die man mittlerweileeinschlagen, also
durch soziale Medien und so,ist zum Beispiel
ein großes Thema,ist zum Beispiel Handysucht,
Internetsucht,wo dann soziale Kontakte
nicht mehr so im realenLeben stattfinden,
sondern wo die halt einfachnur mehr auf einem Bildschirm
stattfinden und das halt trotzalledem, trotz der
Kommunikation auch dieEinsamkeit fördert.
-Oft wird vergessen,dass gerade junge Menschen
(05:08):
täglich darum kämpfen,dazu zu gehören,
sich beweisen müssen,in der Schule und auch
im Freundeskreis.
-Bei jungen Menschen spieltgerade im Schulsetting,
man hinterfragt sichsehr viel, man wird erwachsen,
es ändert sichin einem selber so viel.
Und natürlich kommenda dann auch Ängste mit,
mögen mich meine Freundewirklich oder komme ich in der
(05:29):
Gruppe gut an oder dass mansich in der Klasse nicht
wohlfühlt, nichtintegriert fühlt.
Das sind einfach Dinge,die aber, glaube ich,
einfach mal ausgesprochenwerden müssen,
dass man sich nichtalleine mit sich herumtragt.
Und da kann mandann einfach unterstützen,
dass man Strategien findet.
Wie kann man zum Beispiel mitden Freundinnen
in ein besseres Gesprächkommen oder wie gibt
es Möglichkeiten,dass ich vielleicht
mit Freunden öfterrausgehe oder so.
Also das ist dannganz individuell versucht man
(05:49):
dann halt da zu unterstützenmit Tipps, Strategien
oder eben, wennes tiefgreifender ist,
Anlaufstellen,die sich dann gezielt mit
Problematiken beschäftigen.
-Ausgrenzungen, Online-Stalking,Beschimpfungen
auf Social Media, Mobbing.
Österreich ist da sogareuropäischer Spitzenreiter
beim Mobbing der 11-bis 15-Jährigen.
(06:13):
Hierzulande erleben21 Prozent in dieser
Altersgruppe Schikanen undPsychoterror durch andere.
Das ist doppelt so viel wieim europäischen Durchschnitt.
Die psychiatrische Versorgungvon jungen Menschen ist seit
Corona durchgehend nicht gut.
Genau da kann der Notdiensthelfen, sagt Anna.
(06:35):
-Und in der Zwischenzeit,bei meinem Wissen, es kommt oft
zu längeren Wartezeiten,gerade in den
psychosozialen Bereichen,wenn einfach so viel Bedarf
da ist, dann sind wir auchüberbrückend da und können
auch einfach über einengewissen Zeitraum
zum Beispiel mitEntlastungsgesprächen
für die Personen da sein,dass sie dann nicht einfach
warten müssen undin der Luft hängen.
-Beim sozialpsychiatrischenNotdienst arbeiten
(06:56):
Sozialarbeiter*innen,klinische Psycholog*innen,
Personen wie Anna mit Diplomin Gesundheits-
und Krankenpflege.
Die Ausbildung ist wichtig,um professionell
helfen zu können.
Aber gerade bei Jugendlichen,die sich einsam fühlen,
ist es oft ebenso wichtig,einfach da zu sein.
-Ein Mensch ist so vielfältigund vielschichtig.
(07:17):
Und ich glaube wirklich,am Anfang steht
einfach das Zuhören.
Gar nicht so viele Vorschlägeam Anfang bringen
oder Tipps bringen,sondern einfach nur da sein.
Weil ich glaube, das ist ja das,was gerade so fehlt.
Und wenn es da zumindest einePerson am Telefon gerade gibt,
die gerade zuhört, dann istdas schon mal ein Moment,
in dem man sichvielleicht ein bisschen
weniger einsam fühlt.
-Anna sieht dieVorweihnachtszeit kritisch.
-Aber ich habe schon denEindruck, dass man
(07:38):
in der Zeit oft gerne auf dieglitzernden Sachen schaut
und nicht auf die Menschen,die alleinig sind.
-Wenn du dich in derVorweihnachtszeit auf eine
Einkaufsstraße setzt und nurmal die Menschen beobachtest,
dann siehst du erst, unterwie viel Druck sie stehen.
Alle hetzen sich,schleppen schwere Taschen,
kämpfen sich durchdie Massen für die Psyche,
(07:59):
ist das mehr als anstrengend.
-Also man brauchtjetzt nur in gewisse
Einkaufsstraßen zu schauen.
Es laufen Hordenangespannter, aggressiver
Menschen durch die Gegend,die versuchen,
irgendetwas zu erwerben,erzeugen oder vorzubereiten,
damit dieser eine Abend,wenn man jetzt vom
24. Dezember spricht, diesereine Abend dann perfekt ist.
Und das funktioniertja de facto nie. Ich denke,
(08:20):
es gibt sicherviele Familien oder Gruppen,
die das ganz gut hinkriegen.
Aber in der Regel kommtes dann doch eher
zu Katastrophen oder zumindestist es nicht
so wahnsinnig romantisch,wie man sich das wünschen würde.
-Katrin Skala, die Leiterinder psychosozialen Dienste,
hat als Psychiaterin mitjahrzehntelanger Berufserfahrung
einen ganz anderen Blick aufdie Weihnachtszeit.
(08:44):
-Für sehr viele istes auch nichts, worauf sie sich
in irgendeiner Form freuen.
Es stellt Verpflichtungendar, sich in ein Soziotop oder
ein familiäres Soziotopzu begeben, das sie eigentlich
vermeiden im normalen Leben.
Das heißt, es destilliert,es bildet wirklich eine
Kombination aus verschiedenenschwierigen Situationen.
-Dazu kommt noch,dass Schenken psychologisch
viele unter Druck setzt.
(09:07):
Beschenkt zu werden oderauch nur das Wissen darüber
kann nämlich Schuldgefühleauslösen. Wird es ein teures
Geschenk, teurer als meines,kann ich das zurückgeben?
Genauso schwierigkann es werden,
wenn man das Geschenk übergibt.
Wenn nämlich das Gegenübernicht die Freude zeigt,
die man sich erwartet hat.
-Man kann schwerpauschalisieren,
(09:28):
aber ich glaube,in dem Fall wage
ich das jetzt ein bisschen,weil ja wirklich das alles
in der Luft ist.
Es ist Stress in der Luft,es ist Erwartungshaltung
in der Luft. Zusätzlich istes permanent finster.
Es gibt ja nicht nursaisonale Depressionen,
aber der Durchschnitt derMenschen ist etwas anders
beieinander, wennes um vier finster ist,
als wenn die Sonne scheint.
-Wir alle kennenden Winterblues.
(09:50):
Durch den Lichtmangel fühlenwir uns alle nicht so fit.
Man wird schnell müde,man will oft gar nicht raus.
Die Stimmung ist nicht so gut,alle sind etwas gereizter.
Das zeigt sich auchin Krankheitsbildern in dieser
Zeit, sagt Katrin Skala.
-Es gibt grundsätzlichin dieser Jahreszeit eine
Neigung dazu, ein bisschen,nicht zwingend depressive
(10:12):
Symptome zu haben,aber ein bisschen
Tüme-Symptome zu haben,also ein bisschen weniger
Antrieb, ein bisschenniedergeschlagener zu sein.
Und wenn ich dazu neigeoder schon eine
psychiatrische Erkrankung habe,ist das die Zeit im Jahr,
einmal rein vonder Sonnensituation,
aber auch von dergesellschaftlichen Situation,
wo der Druck noch mehr steigtund es den Leuten im Schnitt
natürlich nicht besser geht.
(10:33):
-Eine echte psychischeKrise beginnt jedoch nie von
heute auf morgen.
Deshalb ist es wichtig,aufeinander zu achten, gerade
auch in der Vorweihnachtszeit.
-Ich glaube nicht,dass sich die Warnsignale
in dieser Zeit besondersunterscheiden von den
Warnsignalen in anderenZeiten, aber es ist natürlich
immer eine gewisseWesensveränderung,
(10:54):
eine Veränderung auchim Handeln, im Tun, Rückzug,
weniger Austauschals es zuvor war,
wenn die Menschen dann garnicht mehr vom Grundstand
wegkommen, also sprichmehr Alkohol konsumieren,
weniger schlafen,sich anders verhalten.
-Es dauert lange,bis Einsamkeit wirklich
zur Krise wird.
Oft steht zu Beginn einfachein Gefühl der Hilflosigkeit,
weil man nicht weiß,wie man sich bei anderen
(11:17):
melden soll, weil man darübergrübelt, wie andere
reagieren würden.
Doch oft können schonkleine Gesten Brücken bauen,
sagt Katrin Skala.
-Es ist auch gleichzeitigein bisschen ein Tipp für
Menschen, die einsam sindund das nicht sein wollen.
Eine Nachricht schreiben,mal anrufen, Weihnachtskarte,
wenn man sich nochzurückhalten möchte.
(11:39):
Da kann man sichzwar ein aber man kann eine
Karte schreiben.
Es gibt keine niemanden,der sich nicht freut über sowas.
Aber einfach malam leichtesten und
am wenigsten intrusiv ist es,eine Nachricht zu schreiben.
Wie geht's dir?
-Wie belastend undanstrengend das
Weihnachtsfest für vielepsychisch sein kann,
bemerken Katrin Skala undihr Team auch bei den Anrufen
beim SozialpsychiatrischenNotdienst.
(11:59):
-Was mir wirklich über vieleJahre aufgefallen ist,
speziell, gerade am 24.
Dezember ist in derRegel nichts los, nichts,
bis ungefähr 20 Uhr.
Und dann brechen die Dämme.
Und dann kommen die ganzenKatastrophen von all den
Menschen, die sich weiß Gottwas erwartet haben und es war
dann ganz schrecklich.
Das heißt, auch hier sieht manabgebildet, was diese
(12:20):
Feiertage machen.
-Wenn sich du oder deineFreund*innen oder Verwandten
jetzt in der Weihnachtszeitbedrückt fühlen,
wenn du dich um jemandenanderen sorgst oder wenn
du selbst merkst,irgendwie geht's nicht mehr,
dann kannst du jederzeit24 Stunden täglich beim
SozialpsychiatrischenNotdienst der Psychosozialen
(12:42):
Dienste Wien anrufen.
Du erreichst ihnunter 01 31 33 0.
Das war Folge 3 von Gemeinsamist man weniger allein.
Ein Podcast der Stadt Wien.
In der nächsten Folgewerden wir uns ansehen,
warum Einsamkeit undIsolation gerade für Frauen
(13:03):
gefährlich sein kann.
Ich bin BarbaraKaufmann und freue mich,
wenn wir uns wiederhören.