Episode Transcript
Available transcripts are automatically generated. Complete accuracy is not guaranteed.
(00:01):
-Hallo.
Kannst du dir vorstellen,dass Weihnachten kein
schönes Fest ist,sondern sogar gefährlich?
Dass sich deine Wohnunganfühlt wie ein Gefängnis?
Dass du nicht raus kannst,dass du niemanden hast,
den du um Hilfe bitten kannst?
Und dass du vorallem eines hast, Angst.
(00:22):
Genau das erleben vieleFrauen in den Feiertagen.
Frauen, die kontrolliert werden.
Frauen, die in gewalttätigenBeziehungen leben.
Wie kann man ihnenhelfen und wer ist für sie da,
wenn es gefährlich für sie wird?
Ich bin Barbara Kaufmannund das ist Gemeinsam ist
(00:42):
man weniger allein,der Podcast der Stadt Wien.
In fünf Folgenschauen wir uns an,
was man in Wien im Advent undzu Weihnachten gegen
Einsamkeit tun kann.
Das ist Folge 4.
Gefährliche Einsamkeit.
Hilfe für Frauen beimFrauennotruf Wien.
(01:05):
-Einsam heißt, in überhauptkeiner Gesellschaft zu sein.
-Das ist Tom Waibel.
Er ist Philosoph und wirftin jeder Folge einen anderen
Blick auf Einsamkeitals Phänomen, das es so lange
gibt wie die Menschen.
-Die Reaktionen der Menschenauf die Bedrohung
der Einsamkeit,die können völlig
(01:27):
unterschiedlich ausfallen.
Dass wir denken,wie oft bei Einsamkeit,
daran, dass sich ein einsamerDenker, eine Denkerin zum
Meditieren in die Bergezurückzieht, das ist
vielleicht eher eine Form vonAlleinsein oder von Rückzug.
Aber Einsamkeit für Leute,die sie nicht haben wollen,
die sich mit Händen undFüßen dagegen wehren,
(01:50):
explodiert dassehr oft in Gewalt.
-Die Wissenschaftgibt Tom recht.
Einsamkeit kann beimanchen Menschen
zu Aggressionen führen.
Denn Einsamkeit erhöhtdie Stresswahrnehmung.
Wenn jemand ohnehin Problemehat, seine Impulse
zu kontrollieren,auch den Impuls zur Gewalt,
kann das explodieren.
(02:12):
Auch die JournalistinYvonne Widler von der
Tageszeitung Kurier,ihr kennt sie ja schon aus
Folge 2, hat das beobachtet.
-Also einerseits weißman aus Studien,
dass Einsamkeit einTäterverhalten befördern kann,
weil wir wissen,dass Einsamkeit radikalisieren
kann zum Beispiel.
Wenn man einsam ist,dann ist man eher aggressiv,
dann auch ab einemgewissen Punkt.
(02:33):
Und neigt eher dazu,Gewalttaten zu verüben.
Und dann gibt es aber noch dieandere Einsamkeit auf
Seiten der Opfer zum Beispiel.
-Yvonne Widler hat alsJournalistin viele
Sozialreportagen geschriebenund auch eines der wichtigsten
Bücher über Femizide.
Heimat bis zu toter Töchter,das 2022 erschienen ist
und bis heute als Standardwerkzum Thema gilt.
(02:56):
Yvonne hat sich dafür sehrgenau mit den Ursachen von
Gewalt auseinandergesetzt.
Mit Gewaltbeziehungenund Opferschutz.
Und mit sehr vielenFrauen gesprochen,
die eine gewalttätigeBeziehung überlebt haben.
Frauen werdenin der Vorweihnachtszeit,
sagt Yvonne, immer noch vielmehr an Pflichten
(03:18):
umgehängt als Männern.
-Also diese klassische,man sagt dazu Ritualarbeit,
liegt ja oft bei den Frauen.
Das ist ja immer noch so,das heißt es soll harmonisch
sein, Weihnachtensoll schön sein,
alle sollen sich gut verstehen.
Und das ist natürlich Arbeit,das passiert
ja nicht einfach so.
Das heißt, das wird von denFrauen oft immer noch verlangt,
dass sie dafür zuständig sind.
Sie überlegen sich,wem können wir was schenken.
(03:39):
Sie richten alles schön her,sie kümmern sich ums Essen,
sie laden ein und vor allem,sie schauen, dass
es harmonisch bleibt.
Das heißt, man stellt sichso einen Tisch vor,
wo die Familie sitzt.
Frauen sind immer die,die versuchen,
dass die Balance gehalten wird.
Dass das Gespräch irgendwienicht in eine unangenehme
Richtung abdriftet,dass keiner streitet und
sie überkompensieren.
Das heißt, sie schauen,dass es eben alles immer
schön und locker bleibtund nett bleibt, weil
(04:00):
Weihnachten soll ja schön.
Und damit kehren sie auch einbisschen negative Muster
unter den Tisch.
-Die Weihnachtszeitund die Feiertage können eine
gefährliche Zeitfür Frauen sein.
-Man weiß einfach,dass verstärkt Anrufe beim
Frauennotruf zumBeispiel stattfinden.
Man weiß, dass Frauen auchsich öfter bei Frauenhäusern
informieren.
Also gehen können sie ja nicht,weil sie mehr unter Kontrolle
(04:22):
stehen in dieser Zeit,weil der Mann ja zu Hause ist
und weniger in der Arbeit ist,was sie auch wieder stresst.
Aber sie informieren sichin dieser Zeit vermehrt
über die Möglichkeiten,die sie haben, wenn sie in einer
gewalttätigen Beziehung sind.
-Heidemarie Kargl kanndas bestätigen.
Sie ist die Leiterin des24-Stunden-Frauennotrufs
in Wien. Weihnachten ist einegeschäftige Zeit bei ihnen.
(04:46):
-Wir haben festgestellt,dass zu Weihnachten direkt wir
gar keine erhöhte Anzahlan Anrufen feststellen können,
sondern tendenzielleher in den Tagen danach,
vielleicht wenn dannauch wieder der
nächste Werktag ist.
Zu Silvester gilt das Gleiche.
Wir erklären es uns auchein bisschen so,
dass ja zu Weihnachten,alles sehr dicht und eng auch
ist in den Familien,alle sind zusammen
(05:07):
wahrscheinlich.
Es gibt vielleicht auchrelativ wenig Möglichkeiten
für Frauen, dann in Ruheungestört zu telefonieren.
Aber natürlich habenwir auch am 24.
Anrufe, die mitunter auch sehrdramatisch ausfallen können.
Wir erklären es uns auchein bisschen so,
dass ja zu Weihnachten allessehr dicht und eng
auch ist in den Familien,alle sind zusammen
wahrscheinlich.
(05:28):
Es gibt vielleicht auchrelativ wenig Möglichkeiten
für Frauen, dann in Ruheungestört zu zu telefonieren.
Aber natürlich habenwir auch am 24.
Anrufe, die mitunter auchsehr dramatisch
ausfallen können.
-Polizei und Frauenhäuserin der gesamten EU berichten,
dass an den Feiertagen dieFälle häuslicher
Gewalt ansteigen.
-Was die Feiertagegefährlich macht für Frauen ist,
(05:51):
dass da mehrereFaktoren zusammenkommen.
Häufig fließt ja auch mehrAlkohol als vielleicht
an anderen Tagen.
Es gibt diesen sehr, sehr, sehr,sehr hohen Erwartungsdruck,
sowohl von außen als auch,denke ich, von innen,
dass eben Weihnachtenperfekt sein soll,
was auch immer die jeweiligeFamilie darunter versteht,
aber sicher mit einem höherenDruck als an anderen Tagen.
(06:12):
Und es ist ja keineEntschuldigung für die Gewalt
natürlich, aberAlkohol ist bekannt,
dass es sozusagen,wie soll ich sagen,
die Aggressionshemmungbeeinflusst und dass dann eben
die Aggression nicht mehrso gut unter Kontrolle
gehalten wird.
-In verschiedenen Studienzum Täterverhalten wird seit
langem klar, es geht nichtum Liebe oder Zuneigung.
Gewalttätigen Partnern gehtes um Macht und Kontrolle.
(06:34):
Die Partnerin wirdals Besitz, nicht als eigene
Person gesehen,ihr Eigenleben sogar als
bedrohlich empfunden.
-Diese Männer isolierenihre Frauen einfach gerne.
Das hat für sieeinen großen Vorteil,
nämlich sie müssen sich nichtmessen am Rest der Welt.
Wenn eine Frau viel Zeit mitihrer guten Freundin
verbringt, dannist die Gefahr sehr hoch,
(06:55):
dass sie mit dieser Freundinüber die Beziehung spricht.
Und dann könnte dieFreundin ja sagen, hey,
das ist gewalttätig,was dein Mann macht.
Das ist nicht gesund.
Schau, dass du dich löst.
Deshalb versuchendiese Männer, die
Frauen zu isolieren.
Das zeigt sich natürlichdann in dieser
Weihnachtszeit noch verstärkt,weil du kannst einmal weniger
in die Arbeit gehen meistens,weil dann vielleicht die
Feiertage sind,alle sind beschäftigt
mit Geschenken,alle sind vermehrt
(07:15):
bei ihren Familien,vielleicht auch
zu Hause in den Bundesländern.
Das heißt, die Isolation,die sowieso schon vorhanden
ist, verstärktsich in dieser Zeit noch.
-Nachbar*innen, die etwas hören,können und Hilfe holen,
sind auf Urlaub.
Die Wohnhäuser sindleerer als sonst.
Oft haben die Frauen durchdie Kontrolle des Täters kaum
mehr Kontakte zuArbeitskolleg*innen
(07:37):
oder Bekannten.
Manche berichten,dass sie wegen der Eifersucht
des Täters ihreArbeit aufgeben mussten.
Diese Frauen leben in einerEinsamkeit, die der Täter
bewusst erzeugt, sagt Yvonne.
-Die Einsamkeit,die diese Frauen
in gewalttätigenBeziehungen haben,
die macht sie abhängiger.
Und je abhängiger ich bin,desto geringer ist
(07:59):
die Wahrscheinlichkeit,dass ich diese
Beziehung verlasse.
-Heidemarie Kargl ist seitvielen Jahren die Leiterin des
24-Stunden-Frauen-NotrufsWien. Sie hat unzählige
Fälle von gewaltbetroffenenFrauen erlebt und erklärt,
warum die Opferzu Beginn einer Beziehung
oft gar nicht bemerken,dass der Partner
sie kontrollieren will.
(08:20):
-Frauen, die vonGewalt betroffen sind,
werden ja von denTätern sehr bewusst isoliert.
Und das ist ja ein Prozessüber eine längere Zeit.
Jede Beziehung beginntirgendwann mal mit Liebe.
Und gerade am Anfang,wenn vielleicht die Frau auch
noch verliebt istoder sehr verliebt ist,
wird das ja von den Männernoft auch ein bisschen
so gebracht wie, ja, ich willdich nur für mich haben,
weil ich dich so liebe.
Das hört man vielleichtam Anfang sogar auch ganz gern,
(08:42):
aber das bekommt dann ebenirgendwann einmal zuerst
mal so einentoxischen Beigeschmack.
Und dann wird es haltzunehmender Zeit,
wird es dann haltimmer gefährlicher.
Und wenn dann mal so Dingeanfangen wie, ich will nicht,
dass du dich mitdeiner Schwester triffst
oder mit deinenFreundinnen triffst.
Das ein Prozess. ich will,dass du nur in die Arbeit
gehst und von der Arbeitsofort wieder zurückkommst.
Und ich will deinPasswort haben, ich will
dein Handy kontrollieren.
Und dann ist die Isolationnatürlich schon sehr,
(09:04):
sehr schädlich.
-Oft beginnt es mitpsychischer Gewalt.
Gaslighting zum Beispiel.
Niemand wird dir glauben oderdas bildest du dir nur ein.
Die Partnerin wird beleidigtund klein gemacht.
Du bist hässlich,du bist dumm, du kannst
nichts, du schaffst nichts.
So kann man einen Menschen mitder Zeit zerstören
(09:25):
und ihn so weit bringen,dass er kaum mehr
das Haus verlässt.
-Das ist bei der psychischenGewalt und die psychische
Gewalt ist ja aucheine Gewaltform,
die immer mehr zunimmt.
Eigentlich sehr häufig dieKontrollbeziehungen,
das Besitzdenken und dieIsolierung, die ganz gezielte,
bewusste Isolierung einer Frau.
Oder auch Konstellationen,wo zum Beispiel die ganze
(09:46):
Familie des Tätersso ganz geeint auch gegen die
Frau auftritt oderes ganz eindeutig ist,
vielleicht auch wenn sieallein ist in Österreich
und selbst keine Familie hat,dass sie nicht nur das Gefühl
hat, sie kann sichan niemanden wenden,
sondern dasses tatsächlich so ist.
-Auch die Familie des Mannes,manchmal sogar die der Frau,
spielen dabei einegefährliche Rolle.
Gewalt an der Partnerinwird kleingeredet oder einfach
(10:09):
ignoriert oder es wirdihr gesagt, sie soll sich
nicht so haben.
Weil es zum Beispiel in diesenFamilien auch seit jeher
Gewalt gegeben hat und sie alsetwas Normales gesehen wird.
-Diese Frauen, und das habeich selbst in vielen Videos
schon gehört, werdendann gerne als die
Familienzerstörerinnenbezeichnet. Wenn sie die sind,
(10:31):
die vielleicht gehen,die sich trennen,
die schlecht überihre Partner reden.
Das sind dann die,die die Kinder schädigen,
nachhaltiger, wennsie beschließen,
sie wollen nicht mehrin dieser Beziehung sein.
Also wir sehen in diesenBeziehungen sehr oft,
dass von Seiten der Familievor allem ein großer Druck
da ist, dass mansich eigentlich auch
nicht trennen soll.
Und gerade zu Weihnachten kannman sich doch nicht trennen,
weil gerade da istja die Zeit der Familie und
(10:51):
da muss alles funktionieren.
-So entsteht einunerträglicher Druck
beim Opfer und dasGefühl, niemand glaubt mir.
Sogar die eigene Familie sagt,ich darf mich nicht trennen.
Dazu kommen auch noch Lügenund Einschüchterungsversuche,
damit die Frau bleibt,erzählt Heidemarie Kagl.
(11:13):
-Und wenn sie dann auch vomTäter vermittelt bekommt,
wenn du dich dort oderda meldest und das erzählst,
dann nehmen sie dirdie Kinder weg.
Also das ist schonauch immer so eine Drohung,
die wir wirklich sehr oftleider erzählt bekommen.
Dann haben die Frauen ja auchnicht mehr mehr das Gefühl,
sie könnten sich an staatlicheInstitutionen wenden.
Also dann ist nicht mehr mehrdas ein Ausweg und dann
sind sie eben wirklich sehrisoliert und wirklich
auf sich gestellt.
-Die Mitarbeiterinnen beim24-Stunden-Frauen-Notruf haben
(11:37):
genau solche Fälle schonetliche Male erlebt und,
das ist die gute Nachricht,auch schon sehr oft dabei
helfen können, dieseGewaltspirale zu beenden.
Heidemarie Kagl erzählt,wie die Beratung abläuft.
-Die Beraterinnenfragen immer als erstes,
in welcher Situationsich die Frau befindet.
Also da gehtes wirklich darum, abzuklären,
(11:58):
ist die Frau jetztgerade in Gefahr?
Weil wenn das der Fall istund die Frau zum Beispiel
nicht mehr selbst die Polizeirufen kann oder möchte,
aber wenn wir hören,da ist im Hintergrund ein
lautes Brüllen von einem Mannoder hämmert gegen eine Tür
oder irgend so etwas,dann holen tatsächlich
wir die Polizei.
-Oft haben die Frauen durchjahrelange Einschüchterungen
Angst,Hilfe zu holen, erzählt Kagl.
(12:20):
-Wir ermuntern auch immer,dass immer Frauen dazu,
die Polizei zu rufen,denn die Polizei kann ja dann,
wenn sie kommt,ein Betretungs- und
Annäherungsverbotaussprechen. Das heißt,
der Täter müsste dann mal für14 Tage die Wohnung verlassen.
Es wird ihm auchder Schlüssel abgenommen
und es wird gleichzeitigauch ein Waffenverbot verhängt.
-Manchmal melden sich Opfererst Stunden oder Tage nach
einem Vorfall. Auch dann kannder Frauennotruf dabei helfen,
(12:42):
die Frauenin Sicherheit zu bringen.
-Wenn die Frau aber sagt,der Vorfall war vor ein paar
Stunden oder am Tagdavor oder so,
dann geht es in ersterLinie auch darum,
sie mal zu stabilisieren,also durch das Gespräch,
die nächsten Schritte mitihr zu besprechen,
auch zu schauen, okay,was gibt es für Ressourcen,
gibt es Freundinnen,gibt es Familienangehörige,
aber schon auchimmer natürlich die Sicherheit
(13:04):
im Blick zu haben,also auch zu schauen,
was kann die Frau machen,wenn das wieder passiert.
-Keine Frau wird alleingelassen.
Das ist HeidemarieKargl wichtig. Und dass jede,
die zuhört, weiß,auch an Weihnachten,
an den Festtagen, in denFeiertagen, es ist
immer jemand für sie da,der ihr helfen kann.
-Den Frauennotruf gibtes jetzt seit fast 30 Jahren.
(13:25):
Und er hat ja auchgestartet mit einem
Dienst in der Silvesternacht,also mit einem Nachtdienst
in der Silvesternacht.
Insofern ist dasvon Anfang an für alle,
die hier arbeiten,selbstverständlich,
dass wir eben jederzeit rundum die Uhr erreichbar sind
und dass das auch bedeutet,Nacht, Wochenende und
natürlich auch Feiertageund auch so schöne Feiertage
wie eben der 24. und der 31.
(13:46):
-Den 24-Stunden-FrauennotrufWien erreicht ihr unter
0171719. Rund um die Uhr.
Auch zu Weihnachten,am Wochenende, im Advent.
In der nächsten und letztenFolge wollen wir uns ansehen,
wie jene Menschendie Feiertage erleben,
(14:07):
die für andere da sind.
Wie geht es ihnen?
Was erleben sie?
Was sehen sie? Mein Name istBarbara Kaufmann und ich freue
mich, wenn wir uns wiederhören.